Bei Aktienanlagen wird häufig zwischen aktivem und passivem Investieren unterschieden. Aktive Strategien stützen sich bei der Auswahl von Wertpapieren auf Analysen und professionelle Einschätzungen. Passive Strategien versuchen dagegen meist, die Zusammensetzung und Gewichtung eines Marktindex nachzubilden. Faktorinvesting bietet einen weiteren Ansatz: Portfolios werden anhand transparenter und messbarer Regeln auf bestimmte Eigenschaften von Aktien ausgerichtet.
Statt lediglich zu fragen, welches einzelne Unternehmen besonders attraktiv erscheint, betrachtet dieser Ansatz eine umfassendere Frage: Welche gemeinsamen Merkmale können Unterschiede bei Risiko und Rendite zwischen verschiedenen Wertpapiergruppen erklären?
## Was ist Faktorinvesting?
Faktorinvesting ist eine systematische Anlagemethode, bei der Wertpapiere anhand messbarer Eigenschaften ausgewählt werden. Diese Eigenschaften werden als Faktoren bezeichnet und können sich unter anderem auf die Bewertung, die Finanzlage eines Unternehmens, seine Marktkapitalisierung oder die bisherige Kursentwicklung beziehen.
Eine Faktorstrategie beginnt mit der Festlegung eines investierbaren Wertpapieruniversums und klarer Auswahlregeln. Aktien, die die definierten Kriterien erfüllen, werden nach einer vorher festgelegten Gewichtungsmethode in das Portfolio aufgenommen. Da sich Preise, Fundamentaldaten und Marktbedingungen verändern, wird das Portfolio regelmäßig neu ausgerichtet.
Diese Struktur verringert die Abhängigkeit von subjektiven Einzelentscheidungen und kurzfristigen Emotionen. Gleichzeitig unterscheidet sich Faktorinvesting vom traditionellen passiven Investieren, weil nicht einfach ein nach Marktkapitalisierung gewichteter Index kopiert wird. Stattdessen wird die Gewichtung gezielt zugunsten bestimmter Merkmale verändert.
## Fünf verbreitete Anlagefaktoren
### Value
Der Value-Faktor konzentriert sich auf Aktien, die im Vergleich zu ähnlichen Unternehmen oder zum Gesamtmarkt relativ niedrig bewertet sind. Häufig verwendete Kennzahlen sind das Kurs-Gewinn-Verhältnis, das Kurs-Buchwert-Verhältnis und die Rendite des freien Cashflows.
Die Grundidee besteht darin, dass einige Unternehmen aufgrund vorübergehender Schwierigkeiten, negativer Marktstimmung oder geringer Aufmerksamkeit unterbewertet sein können. Bleibt das zugrunde liegende Geschäft stabil, kann der Markt seine Einschätzung im Laufe der Zeit korrigieren.
Eine niedrige Bewertung ist jedoch nicht automatisch eine attraktive Gelegenheit. Manche Aktien sind günstig, weil sich die Wettbewerbsfähigkeit oder die finanzielle Lage des Unternehmens dauerhaft verschlechtert. Bewertungskennzahlen sollten deshalb gemeinsam mit Verschuldung, Ertragsqualität und operativer Stärke untersucht werden.
### Quality
Der Quality-Faktor bevorzugt Unternehmen mit soliden und nachhaltigen Fundamentaldaten. Dazu können stabile Gewinne, gesunde Cashflows, eine kontrollierbare Verschuldung, ein effizienter Kapitaleinsatz und eine beständige Rentabilität gehören.
Qualitätsunternehmen können dank robuster Bilanzen und widerstandsfähiger Geschäftsmodelle besser auf wirtschaftliche Unsicherheit vorbereitet sein. Dennoch kann selbst ein hervorragendes Unternehmen zu einer ungünstigen Anlage werden, wenn seine Aktie zu einem überhöhten Preis gekauft wird. Geschäftsqualität und Bewertung müssen daher gemeinsam betrachtet werden.
### Momentum
Momentum-Strategien bevorzugen Wertpapiere, die in einem jüngeren Zeitraum eine relativ starke Kursentwicklung gezeigt haben. Dahinter steht die Beobachtung, dass Trends fortbestehen können, während sich neue Informationen schrittweise verbreiten und Anleger ihre Erwartungen allmählich anpassen.
Momentum ist allerdings anfällig für plötzliche Trendwechsel. Eine rasche Veränderung der Marktstimmung kann dazu führen, dass bisherige Gewinner stark an Wert verlieren. Klare Regeln für die Neugewichtung und ein konsequentes Risikomanagement sind deshalb besonders wichtig.
### Niedrige Volatilität
Der Faktor der niedrigen Volatilität wählt Aktien aus, deren Kurse in der Vergangenheit geringere Schwankungen gezeigt haben. Das Ziel besteht üblicherweise darin, die Bewegungen des Portfolios zu reduzieren und einen gleichmäßigeren Anlageverlauf zu erreichen, statt kurzfristig den maximal möglichen Gewinn anzustreben.
Historische Stabilität garantiert jedoch keine niedrige zukünftige Volatilität. Veränderungen bei Zinsen, Branchenbedingungen oder der finanziellen Situation eines Unternehmens können das Risiko erhöhen. Zudem können sich entsprechende Portfolios stark auf bestimmte defensive Branchen konzentrieren.
### Unternehmensgröße
Der Größenfaktor ordnet Unternehmen nach ihrer Marktkapitalisierung ein. Kleinere Unternehmen können über mehr Wachstumspotenzial verfügen als bereits etablierte Großunternehmen. Gleichzeitig sind sie möglicherweise geringerer Liquidität, eingeschränkten Finanzierungsmöglichkeiten und größerer operativer Unsicherheit ausgesetzt.
Dieser Faktor bedeutet nicht, dass kleine Unternehmen stets besser abschneiden als große. Er bildet die Möglichkeit ab, dass Unternehmen unterschiedlicher Größe langfristig verschiedene Risiko- und Renditemerkmale aufweisen.
## Einzelfaktor- und Multifaktorstrategien
Eine Einzelfaktorstrategie konzentriert sich auf ein bestimmtes Merkmal, etwa Value oder Momentum. Dadurch entsteht eine klare Ausrichtung auf den gewählten Faktor. Die Wertentwicklung des Portfolios hängt jedoch stärker davon ab, ob das aktuelle Marktumfeld diesen Anlagestil unterstützt.
Multifaktorstrategien kombinieren mehrere Merkmale innerhalb eines Portfolios. Eine Strategie könnte beispielsweise nach Unternehmen suchen, die zugleich attraktiv bewertet sind, über eine solide Bilanz verfügen und eine positive Kursdynamik zeigen.
Da sich Faktoren in unterschiedlichen Marktphasen verschieden entwickeln können, lässt sich durch ihre Kombination möglicherweise die Abhängigkeit von einem einzelnen Stil verringern. Die Verwendung mehrerer Faktoren beseitigt Risiken jedoch nicht automatisch. Das Ergebnis hängt von der Definition der Faktoren, ihrer Kombination, der Gewichtung der Wertpapiere und der Häufigkeit der Neugewichtung ab.
Einige Indexfonds und börsengehandelte Fonds setzen Faktorregeln über sogenannte Smart-Beta-Strategien um. Smart Beta bezeichnet in der Regel eine indexbasierte Anwendung von Faktorprinzipien, während Faktorinvesting das umfassendere Anlagekonzept darstellt.
## Unterschiede zu aktivem und passivem Investieren
Aktive Manager wählen Wertpapiere mithilfe von Analysen, Prognosen und professionellen Einschätzungen aus. Traditionelle passive Fonds folgen einem Index, in dem das Gewicht eines Unternehmens häufig von seiner Marktkapitalisierung bestimmt wird.
Faktorinvesting ähnelt dem passiven Ansatz, weil es wiederholbare Regeln verwendet. Gleichzeitig enthält es ein aktives Auswahlmerkmal, da Wertpapiere mit bestimmten Eigenschaften gezielt bevorzugt werden.
Faktorinvesting muss aktive oder passive Strategien deshalb nicht vollständig ersetzen. Es kann gemeinsam mit breit gestreuten Marktindexfonds, aktiv verwalteten Anlagen, Anleihen und weiteren Anlageklassen eingesetzt werden.
## Risiken des Faktorinvestings
Kein Faktor erzielt unter allen Marktbedingungen dauerhaft überdurchschnittliche Ergebnisse. Value, Quality, Momentum, niedrige Volatilität und Unternehmensgröße können jeweils längere Phasen der Unterperformance durchlaufen. Auch eine Strategie mit überzeugender wirtschaftlicher Grundlage kann mehrere Jahre hinter dem Gesamtmarkt zurückbleiben.
Hinzu kommt das Umsetzungsrisiko. Zwei Fonds mit derselben Faktorbezeichnung können unterschiedliche Kennzahlen, Anlageuniversen, Gewichtungsmethoden oder Zeitpläne für die Neugewichtung verwenden. Ihre Portfolios und Ergebnisse können sich daher deutlich voneinander unterscheiden.
Häufige Anpassungen erhöhen möglicherweise den Portfolioumschlag, die Transaktionskosten und potenzielle steuerliche Belastungen. Außerdem kann sich ein Faktorportfolio unbeabsichtigt auf bestimmte Branchen, Unternehmensgrößen oder Marktsegmente konzentrieren. Anleger sollten deshalb die tatsächlichen Positionen und Regeln prüfen und sich nicht ausschließlich auf den Namen der Strategie verlassen.
## Für wen eignet sich Faktorinvesting?
Faktorinvesting kann für Anleger interessant sein, die transparente und regelbasierte Entscheidungen bevorzugen und über einen langen Anlagehorizont verfügen. Es erfordert außerdem Geduld, da ein gewählter Faktor über längere Zeit schlechter als der Markt abschneiden kann.
Vor der Auswahl einer Strategie sollten Anleger die wirtschaftliche Begründung des Faktors, seine genaue Definition, die Konzentration des Portfolios, die Methode der Neugewichtung, die Kosten und mögliche Überschneidungen mit bestehenden Anlagen verstehen. Eine zuletzt starke Wertentwicklung reicht als Entscheidungsgrundlage nicht aus.
## Fazit
Faktorinvesting übersetzt allgemeine Anlageideen in messbare und wiederholbare Portfolioregeln. Value, Quality, Momentum, niedrige Volatilität und Unternehmensgröße gehören zu den bekanntesten Faktoren. Jeder von ihnen steht jedoch für eine andere mögliche Renditequelle und bringt eigene Risiken mit sich.
Das Ziel besteht nicht darin, einen Faktor zu finden, der in jeder Marktphase gewinnt. Entscheidend ist vielmehr, zu verstehen, warum ein Faktor langfristig belohnt werden könnte, unter welchen Bedingungen er Schwierigkeiten haben kann und ob ein Anleger die Strategie auch während ungünstiger Zyklen beibehalten kann.
Sorgfältig eingesetzt kann Faktorinvesting ein diversifiziertes Portfolio ergänzen. Es kann Marktrisiken jedoch weder beseitigen noch eine überdurchschnittliche Rendite garantieren.
